IGS - Integrierte Gesamtschule Landau


Schulleiters Tagebuch

Schulleiters Tagebuch

Tagebucheintrag vom 27. März 2020

Liebe Leserinnen und Leser dieses Tagebuches,

am Ende der zweiten Woche ohne Schülerinnen und Schüler in der Schule gibt es Vieles zu berichten. Letzte Woche haben wir montags und dienstags unsere mündlichen Abiturprüfungen durchgeführt, die beiden Nachzügler waren jetzt am vergangenen Montag noch an der Reihe. Wir sind durch, Gott sei Dank. Nicht alle Schülerinnen und Schüler haben das Ziel erreicht, alle haben eine Fachhochschulreife, die allermeisten das Abitur. Diejenigen, die es nicht geschafft haben, haben dennoch einen Schulabschluss, mit dem sie etwas anfangen können. Es ist schon traurig, dass Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und Freunde und die Lehrkräfte dieses nicht feiern können. Ich hoffe sehr, dass wir dies in irgendeiner Form nachholen können. Heute haben mir die Abiturienten einen Brief geschickt, der wohl ihre Rede, die sie gehalten hätten, enthält. Ich habe sie noch nicht gelesen und werde das zuhause tun. Irgendwie finde ich das so traurig, dass ich jetzt erst eine Zeit brauche, um ihre Rede lesen zu können.

Stadtbekannt ist ja, dass unser Schulgebäude als Notfallkrankenhaus dient. Hoffen wir sehr auf einen guten Verlauf der Coronakrise in Landau und auch darauf, dass es keinen Start dieses Krankenhauses geben wird. Möge der Notfall nicht eintreten. Wir schmieden derzeit einen Plan, wie es werden kann, wenn das Notfallkrankenhaus eröffnet würde und noch am Leben wäre, wenn gleichzeitig die Schulen wieder geöffnet würden. Wir werden sehen. Im Moment habe ich keine andere Nachricht, als den 20. April 2020 als Wiederbeginn des Unterrichts. Die Lage insgesamt ist bekannterweise so dynamisch, da kann sich noch vieles ändern. Sollte jedoch die Schule tatsächlich öffnen, müssen wir vorbereitet sein.

Ganz viele Gedanken mache nicht nur ich mir über die vielen kleinen Unternehmen oder auch größere mittelständische Unternehmen, deren Existenz wirklich bedroht ist. Ich denke an Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wie macht es zum Beispiel das Restaurant Castell in Leinsweiler, das uns bei jeder Schulhofaktion mit kulinarischen Köstlichkeiten versorgt? Wie viele Restaurant bietet auch das Castell einen Abholservice an und ich kann nur hier auch dazu aufrufen: Unterstützen Sie die Restaurants auf diese Art und Weise, bestellen Sie und sagen Sie es weiter. Für die Stadt Landau hat der Leiter der Wirtschaftsförderung eine Zusammenstellung der Betriebe gemacht, die einen Abhol- und Lieferservice anbieten, er weist ausdrücklich daraufhin, dass diese Liste ständig erweitert wird. Es soll niemand vergessen werden. Link: https://www.landau.de/lieferservice

Wir gehen jetzt auch ins Wochenende und stehen am Montag für die dritte Woche zur Verfügung. Bleiben Sie gesund, kümmern Sie sich um Ihre Angehörigen und treiben Sie Sport.

 

Eine letzte Empfehlung für heute: Besuchen Sie die Seite www.chawwerusch.de , auf dieser Seite können Sie täglich um die Mittagszeit etwas von den Theaterfreundinnen lesen bzw. anschauen. Heute wird quasi das dritte Türchen geöffnet. Auch Theater sind von der Existenz bedroht, wenn die Zuschauer ausbleiben und dies für längere Zeit, bedeutet es auch für das befreundete Theater Chawwerusch große Gefahr.

 

Tagebucheintrag vom 20. März 2020

Singen gegen Corona

https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=future-mind-kolumne-48

48 – Die Welt nach Corona

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!

So geht Zukunft.

Tagebucheintrag vom 19. März 2020

Schon lange haben wir in diesem Tagebuch nichts mehr geschrieben. Sie können sich denken warum. Corona ist überall und betrifft leider auch dieses Tagebuch. Die Ereignisse überrollen uns, wir sind nicht nur Lehrer oder Schulleiter, sondern auch Mensch, Vater, Ehemann, Sohn, Nachbar, Freund.......

Man überlegt, was wichtig ist und hilft, wo man kann. Das Einschränken der Sozialkontakte führt bei vielen von uns zu großen psychischen Problemen. Wir leben in einer Extremsituation. Gestern sprach unsere Bundeskanzlerin und sie trug vieles vor, was mir auch im Kopf ist. Wir haben unsere Schüler nach Hause geschickt, schließen unsere Schulen zu und machen eigentlich etwas, was in einer solchen Krise das Schlimmste ist. Nicht reden. Nicht zusammen sein. Sich nicht in den Arm nehmen. Sich nicht trösten. Nicht leibhaftig einander zuhören. Das alles machen wir nicht, weil es vernünftig ist. Das alles machen wir nicht, weil es uns vorgeschrieben ist, um die Ausbreitung des Viruses zu verlangsamen. Gestern starben in Italien fast 500 Menschen an einem einzigen Tag. Das macht Angst. Wir hoffen sehr, dass die Eltern mit ihren Kindern darüber reden und für sie da sind. Sie brauchen ihre Eltern jetzt, mehr denn je.

Mit dem Schließen der Schule verbunden ist gleichzeitig der Auftrag Schülerinnen und Schüler mit Lernstoff auf elektronischen Wege zu versorgen. Genau das haben viele Schulen und viele Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schülern noch überhaupt nicht in eine gewisse Routine gebracht. Wie auch, es lief doch jahrzehntelang ganz anders und der laute Ruf nach Digitalisierung jetzt und sofort erinnert ein wenig an Shakespeare: "Gut gebrüllt Löwe." Gewiss, es liegt in dieser Zeit eine Chance, jene Chance, die den Nutzen der Digitalisierung in der Kommunikation von Menschen nicht nur deutlich macht, sondern auch was das Lernen in der Schule betrifft, einen alternativen Weg darstellt. Vielleicht ist das Lernen im Homeoffice auch eine Möglichkeit Schule voranzubringen. Aber eben nicht nur, sondern auch. Dass es an vielen Stellen hakt, dass Schülerinnen und Schüler zuhause keinen Computer haben, dass Eltern und Lehrkräfte überfordert sind ist doch völlig klar. Heute hat mich ein Journalist nach meiner Einschätzung zur Digitalisierung gefragt und ob das Ganze im Moment erfolgreich sei. Ich teilte ihm meine Bedenken und Zweifel mit. Als das Gespräch auf das Thema, wie es nach Ostern weiterginge, kam und wir gemeinsam im Kaffeesatz lasen, kam mir der Gedanke an längst vergangene Zeiten. Es gab sogenannte Kurzschuljahre, es gab Zeiten, in denen ein Notabitur überreicht wurde, da drehte sich die Welt danach auch weiter. Wir werden, wenn wir wollen, das Ganze gemeinsam bewältigen und dann muss man die Frage beantworten, was eigentlich jetzt ansteht, was eigentlich jetzt wichtig ist.

Tagebucheintrag vom 14. Februar 2020

One billion rising - eine Milliarde erhebt sich. Heute treffen sich Mädchen und Frauen aus aller Welt in ihren jeweiligen Ländern und jeweiligen Orten. Sie treffen sich, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren. In Landau hat die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Landau dazu aufgerufen dem Beispiel vieler Frauen zu folgen und sich um 17 Uhr auf dem Obertorplatz in Landau zu treffen. Sagt es weiter und kommt dazu. Natürlich ist es Symbolik, aber trotzdem. Gegen Mobbing hilft nur Transparenz und Sichtbarmachen, gegen die Gewalt gegen Frauen ebenso. Heute werden Rosen an Frauen verschickt, weil irgendwer irgendwann das große Geschäft für sich entdeckt hatte. Machen aus jedem Tag in einem Jahr einen solchen Tag. Es geht nicht um das Verschenken von Rosen, sondern um einen liebevollen Umgang der Geschlechter.

Tagebucheintrag vom 13. Februar 2020

Heute haben wir wieder viele kranke Lehrerinnen und Lehrer und dazu noch den ein oder die andere, die auch angeschlagen ist. So ist das, wenn man mit 1000 Menschen auf einem Raum lebt und arbeitet. Da bleiben Infekte nicht aus. Diejenigen, die in den Klassen Tag für Tag ihre Arbeit machen oder im Sekretariat oder beim alltäglichen Reinemachen, bewundere ich. Ich danke ihnen für die tägliche Arbeit.

Tagebucheintrag vom 12. Februar 2020

Heute bin ich stolz auf mich. Ich träume von einem papierlosen Büro und bin diesem Ziel heute mit großen Schritten entgegen gegangen. Alles, was ich in den letzten Monaten nicht gelesen habe bzw. nicht mehr lesen musste, landete konsequent im Müll. Dann sortierte ich Fachbücher, verschob die Schränke in einen anderen Raum und bin fast schranklos in meinem Büro. Ich kann wieder atmen, ich fühle mich viel leichter und bin froh diesen Balast endlich entsorgt zu haben.

Tagebucheintrag vom 11. Februar 2020

Endlich habe ich es geschafft. Vor 2 Jahren habe ich Bücher gesammelt, die laut eines Rezenzenten der Wochenzeitung "Die Zeit" so eine Art Bildungskanon darstellen. Nicht alle habe ich schon, aber einen Teil. Dazu auch Filme, die einfach bleiben. Jetzt habe ich sie in einer Glasvitrine vor meinem Büro und verleihe sie an jeden und jede, der oder die mich anspricht. Ich bin gespannt, ob Schülerinnen und Schüler oder Kolleginnen und Kollegen davon Gebrauch machen. Meine Sammlung wächst stetig. Als erste leiht sich meine liebe Sekretärin "Die Blechtrommel" von Günter Grass aus. Ich bin gepannt auf ihr Urteil.

Tagebucheintrag vom 10. Februar 2020

Heute beginnt die Anmeldung der Schülerinnen und Schüler anderer Schulen, die unsere Oberstufe besuchen wollen. Und auch dieses Jahr stehen wieder viele Interessenten vor der Tür. Zu den 75 Schülern, die aus unserer Schule in die gymnasialen Oberstufe gehen, werden sicherlich noch einmal 40 oder 50 von anderen Schulen kommen. Leichter wird es nicht für sie, auch wenn das von interessierter Seite kolportiert wird. Schließlich schreiben auch unsere Schülerinnen und Schüler am Ende Klausuren, die in ganz Rheinland-Pfalz geschrieben werden. Auch unsere selbstgestellten Aufgaben werden von der gleichen Abiturfachkommission untersucht, wie die Aufgaben aller anderen Schulen. Ich freue mich sehr unsere neuen Schülerinnen und Schüler willkommen heißen zu dürfen.

Tagebucheintrag vom 07. Februar 2020

Heute ist mir ein Text von Karl Valentin in die Hände gefallen, den ich gedenke irgendwann einmal einzusetzen. Was Loriot ein paar Jahrzehnte später in seiner großartigen Bundestagsrede getan hat, schaffte Valentin viele Jahre vorher schon. Er schrieb eine Rede völlig ohne Sinn, in dem er viele Floskeln aus unterschiedlichen Reden einfach hintereinander plazierte. Valentin ist ein Sprachakrobat und unglaublich intelligent. Der erste Satz scheint nie enden zu wollen und ist so sinnlos schön, dass man sich während des Lesens kaputtlacht. Bis er mit "Hochachtungsvollst" endet, sind einige andere sinnlose Zeilen vergangen, die zu hören sich lohnt. Mal sehen, wann dieser Text und wo verlesen wird.

Tagebucheintrag vom 06. Februar 2020

Heute hatten wir ein wunderbares Team G und es gab für mich zwei Höhepunkte in dieser Versammlung von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern und Eltern. Vier Schülerinnen, die sich über das Thema "Montagmorgenbegrüßung" mit anderen gemeinsam Gedanken gemacht haben, luden das Kollegium und die Eltern ein in einem Worldcafé über Veränderungen und Verbesserungen in Bezug auf die Montagmorgenbegrüßung sich Gedanken zu machen. Methodisch äußerst versiert schafften es die vier Schülerinnen die wilde Meute zu zähmen und sehr brauchbare Ergebenisse zu erarbeiten. In welcher Schule haben Schülerinnen dazu die Gelegenheit? In welcher Schule werden sie in dieser Art ernst- und wahrgenommen? Der zweite Höhepunkt waren die Blicke der Lehrerinnen und Lehrer, als ich ihnen ein Interview mit dem Freiburger Fußballtrainer Christian Streich zeigte. Dieser antwortet im feinsten Badisch-Deutsch auf die Frage, ob Fußballer heute sensibler seien als früher auf seine eigene Art. Nein, sagt er, gleich sensibel. Sind es nicht die 30-, 40- oder 50jährigen, die den Kindern die Welt vorgeben, wie sie sie dann antreffen? Sind es nicht wir, die wir unsere Kinder sozialisieren? Sind es nicht wir, die wir unseren Kindern früh ein Handy kaufen und mit 18 ein Auto? Wenn die Erwachsenen über die Kinder sprechen, sprechen sie eigentlich über sich selbst. Bewusst machen müsse man das den Erwachsenen und nicht den Kindern. Eine Haltung, die, wenn sie jeder verinnerlichte, zum Gelingen von Schule und in der Gesellschaft beitragen könnte.

Tagebucheintrag vom 05. Februar 2020

Heute begannen schon die nächsten Anmeldephasen, nämlich die unserer hauseigenen Schüler der Klassenstufe 10, die sich für die Oberstufe bewerben. Ich habe 2010 begonnen dieses Tagebuch zu schreiben, wir feiern im September dieses Jahres quasi das 10jährige. Und ich habe schon öfters geschrieben, dass der Eintritt in die Klassenstufe 11 wie ein Eintritt in eine neue Schule ist. So ist das Jahr für Jahr. Ich glaube, dass trotz aller Informationsveranstaltungen Schülerinnen und Schüler nicht genau wissen, was Oberstufe bedeutet. Plötzlich und völlig unerwartet werden in allen Fächern Texte geschrieben und auch längere Texte gelesen. Das bedeutet für den einen oder anderen doch eine große Umstellung. Manchmal und manchen ist es dann auch zu viel. Das muss man wissen. Für die Eltern noch eine kleine Empfehlung: Basteln Sie Ihrem Kind (es ist immer noch Ihr Kind) eine Schultüte und begehen Sie den ersten Tag mit einer gewissen Würde. Ich drücke allen die Daumen.

Tagebucheintrag vom 04. Februar 2020

Heute wurden die Schüler für das kommende Schuljahr ausgelost, nun geht es schnell. Am Donnerstag gehen von uns spätestens die Briefe zur städtischen Poststelle, von dort werden sie zur Post gebracht und dann in die einzelnen Haushalte. Mein persönliches Glück ist es, dass ich bei dieser Auslosung nicht dabei sein werde und somit auch nicht verantwortlich bin, wenn ein Kind bei uns keinen Platz erhält. Am Abend dann ein großer Elternabend für die Klassenstufen 7, 9 und 11, an dem die Herausforderungen im kommenden Jahr quasi eröffnet werden. Es ist schon verrückt, wie es Jahr für Jahr gelingt über 300 Kindern eine Perspektive zu geben und sie auf Herausforderung zu schicken. Ganz toll ist die Unterstützung der Uni Landau, über 30 Studierende begleiten verantwortlich und sehr verantwortungsbewusst unterschiedliche Herausforderungen. Eine bessere Gelegenheit herauszufinden, ob man den nicht einfachen Beruf einer Lehrerin ergreifen möchte, gibt es meines Erachtens nicht.

Tagebucheintrag vom 03. Februar 2020

Der zweite Tag der Anmeldungen für den kommenden 5. Jahrgang und es sind doch wieder viele Schülerinnen und Schüler, die den Weg in unsere Schule gefunden haben. Das heißt, wir müssen Kindern und ihren Eltern in den kommenden Tagen eine Nachricht überbringen, die ihnen und uns nicht gefallen wird. 112 Plätze sind zu vergeben, mehr wäre auch nicht zu verantworten. Schließlich sind 28 Schüler pro Klasse schon eine ganze Menge. Wieder haben wir viele interessante Gespräche geführt und junge Menschen kennenlernen dürfen, die einen Platz erhalten haben. Es tut mir jedes Mal leid Schülerinnen und Schüler ablehnen zu müssen, aber leider führt daran kein Weg vorbei.

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