In unserem Sekretariat liegt ein Büchlein aus, aus dem jeden Tag eine oder ein andere(r) liest. Heute ein Gedicht der wunderbaren Mascha Kaleko
Betrifft: Erster Schnee
Eines Morgens leuchtet es im Zimmer,
und du merkst: ’s ist wieder mal so weit
Schnee und Barometer sind gefallen.
-Und nun kommt die liebe Halswehzeit
Kalte Blumen blühn auf Fensterscheiben.
Fröstelnd seufzt der Morgenblatt-Poet:
„Winter läßt sich besser nicht beschreiben,
Als es schon im Lesebuche steht …“
Blüten kann man noch mit Schnee vergleichen,
Doch den Schnee… Man wird zu leicht banal.
Denn im Sommer ist man manchmal glücklich,
Doch im Winter nur sentimental.
Und man muss an Grimmsche Märchen denken
Und an einen wunderweißen Wald
Und an eine Bergtour um Silvester.
– Und dabei an sein Tarifgehalt.
Und man möchte wieder vierzehn Jahr sein:
Weihnachtsferien… Mit dem Schlitten raus!
Und man müsste keinen Schnupfen haben,
Sondern irgendwo ein kleines Haus.
Und davor ein paar verschneite Tannen,
Ziemlich viele Stunden vor der Stadt,
Wo es kein Büro, kein Telefon gibt.
Wo man beinah keine ‚Pflichten hat.
…Ein paar Tage lang soll nichts passieren!
Ein paar Stunden, da man nichts erfährt.
Denn was hat wohl einer zu verlieren,
Dem ja doch so gut wie nichts gehört.
