Sonntag, 10. Mai 2026

by Ralf Haug

Um 06.15 Uhr stehe ich auf, duschen, eine herrliche Regendusche, so kann mein Tag beginnen. Nach dem Frühstück geht es um 08.00 Uhr los. Wir fahren in den Westen zu den Pyramiden von Gizeh. Es geht durch eine Stadt, wie ich sie vorher noch nie gesehen habe. Sie ist so groß und voller Häuser, Paris wirkt irgendwie dagegen wie ein Dorf. Dreck und Unrat überall. Ein irrer Verkehr, auf drei Spuren fahren gefühlt sieben Autos nebeneinander. Kilometerweit geht es auf einer Stadtautobahn durch Häuserschluchten. Wir kommen gut voran. Viel Verkehr, Fahrzeuge, die nach Petroleum riechen und nicht nach Benzin, das hier übrigens 40 Cent kostet. Gehupt wird ständig, Helme gibt es auch nicht. Wir sind in einem afrikanischen Land, ganz anders als damals in Jordanien, das sind zwei Welten. Araber sind nicht gleich Araber, die Ägypter blicken auf eine stolze Kultur zurück. Irgendwie scheint das trotzdem hier alles zu laufen, an den Straßenrändern der Müll, kaum ein Haus, das fertig gebaut scheint. Autos parken, wo sie wollen. Die Hochhausblocks strotzen vor Klimageräten, die Wäsche hängt an Leinen überall, keine Ahnung, ob die sauber wird. Das ist eine andere Welt, definitiv. Kaum grün, die Palmen sehen jämmerlich aus, wir fahren an einer kilometerlangen Nekropole vorbei. Hier sind Menschen begraben, hier gibt es Gräber und dazwischen leben Menschen, riesige, slumähnliche Lebensbereiche, die so bedrückend auf mich wirken, Kairo so zu erleben, ist irritierend. Wie halten die Menschen ein solches Leben aus? Und wieder sehe ich Menschen mit Besen und Schaufel. Warum eigentlich? Die Fahrt an den Nekropolen vorbei dauert mehr als eine halbe Stunde. Eine Autowerkstatt, die Autos im Dreck auf der Straße repariert. Immer sind es viele Menschen, die sich kleinteilig mit irgendetwas beschäftigen. Sie scheinen alle irgendwie zu arbeiten. Auf der Straße wird weiter gehupt bis zum geht nicht mehr. Ob die anderen das überhaupt wahrnehmen? Ich glaube nicht. Und plötzlich wird es grün, der Nil trennt diesen Teil der Stadt von Gizeh. Doch wenige Meter weiter sind die Häuser wieder grau und der Schmutz ist wieder da. Kairo ist eigentlich eine Wüstenstadt, man wünscht der Stadt Regen, der reinigt und den Staub von den Häusern wischt. Es kann mal regnen in Kairo, muss aber nicht. Ein paar hundert Kilometer weiter südlich in Luxor regnet es nie. Der Nil sorgt ganz kurz für Entspannung, dann geht es weiter wie vorher. Unser Reiseleiter will Migo genannt werden, ein lebensfroher, schlauer Archäologe mit einem sehr guten Deutsch. Er weiß viel und freut sich über uns, weil wir ein wissbegieriger Haufen sind. Er erzählt von seinem Ägypten, seinem Kairo und der stolzen Geschichte. Und was diese Menschen geleistet haben, sollen wir heute vor Augen geführt bekommen. Die Geschichte Ägyptens hat vor tausenden von Jahren begonnen und wir werden heute Zeugnisse davon zu sehen bekommen. Er erklärt uns, bevor wir die Pyramiden sehen, warum es sie gibt und warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Pyramiden sind riesige Gräber, die Cheopspyramide in Kairo ist die größte vor Ort. Pyramiden wurden für Pharaonen gebaut, ihre Form hat sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Ganz früh waren sie einfach nur flach, später kamen quasi Stockwerke dazu, bis sie sich zur heute uns bekannten Form entwickelten. Die Idee der Pyramide ist auf der einen Seite die Verbundenheit mit der Erde, der Pharao, der in ihr begraben wird, ist mit der Erde, mit dem Nil verbunden. Die Spitze der Pyramide ist eine Verbindung zur Sonne, die Leben gibt. Eigentlich könnte man sagen, die Ägypter haben nur einen Gott, den Sonnengott Ra oder Re. Er sorgt für die Verbindung zur Erde und schützt den Pharao. Wenn ein Pharao vor der Fertigstellung der Pyramide stirbt, wird diese nicht zu Ende gebaut. Da Ramses 26 Jahre regierte, könnte man vermuten, dass die Pyramide, die aus 2,5 Millionen Steinen besteht, in einer Zeit zwischen 20 und 25 Jahren entstanden ist. Dies ist aber nicht belegt. Es ist unfassbar, was hier geleistet wurde. Die Arbeiter, die die Pyramiden erbauten, waren für unseren Reiseführer nicht wirklich Sklaven, sie erhielten, das weiß man von Papyrusrollen, die man vor nicht allzu langer Zeit entdeckt hat, 300 Gramm Fleisch pro Tag, einen halben Liter Bier und sonst auch reichlich Essen. Und dann sehen wir sie, diese Weltwunder. Wir nähern uns nur langsam und kommen zuerst an eine Panoramastation. Drei Pyramiden am wolkenlosen Megahimmel. Ich bin überwältigt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was haben die Menschen hier vor 4000 Jahren gebaut?, ohne Kran, ohne Zement, ohne Mörtel. Diese Steine sind exakt miteinander verbunden, alle Pyramiden liegen völlig gerade im Wasser, in einer Ausstellung sehen wir Winkel und Wasserwaagen, also eigentlich alles, wovon wir heute noch profitieren. Zeitlich gesehen gab es weder Germanen noch Römer oder Griechen. Wir fahren weiter und stehen plötzlich ehrfürchtig vor der größten Pyramide, der Cheops. Eine Baukunst, die ihresgleichen sucht. Und dann kommt die Sphinx, groß und mächtig liegt sie vor einer Pyramide. In der Zeit, in der diese erbaut wurde, lag dort ein Hafen, war dort der Nil, dieser ist heute 7 Kilometer entfernt. Die Sphinx bewacht die Pyramide, sie wurde aus einem einzigen Steinblock geschaffen. Der Nil, der Hafen, die Sphinx und dahinter die Pyramide, die Pyramide als Heimstatt des Pharaos sollte immer durch die Sphinx bewacht werden. Ihre kaputte Nase war keine Tat Napoleons, sie ist vielmehr durch den porösen Stein, aus dem sie gemacht ist, zu erklären. Die salzhaltige Luft zersetzt diesen und die Schwachstellen wie Nase und Hände sind am ehesten davon betroffen. Danach gehen wir in ein typisches Tourismassenabfertigungsrestaurant. Der Orangensaft ist frisch, alles andere ist von der Stange. Doch das ist alles nicht so wichtig, ich kann gut zehren. Und dann folgt der zweite Teil des Tages, das ägyptische Museum. Was wir da erleben, sprengt alle Grenzen. Den Japanern ist es zu verdanken, dass dieses Museum hier heute steht. Nur durch ihre Spenden war solch ein Bau möglich. Migo macht mit uns einen Ritt durch 6000 Jahre ägyptische Geschichte. Die Eingangshalle schon erschlägt uns, es gibt im Prinzip vier Häuser, wir gehen punktuell in alle. Im ersten Haus sehen wir ein Schiff, das unfassbares Wissen präsentiert und dem ganz allein ein ganzes Museum gewidmet ist. Davor ein See mit Lotusblumen. Und dann reiten wir durch die unterschiedlichen Phasen der Geschichte, Statuen, Obeliske, Hieroglyphentafeln. Wir sehen Schmuck, Werkzeuge aus Kupfer, Perücken, die 2000 Jahre alt sind, Alltagsgegenstände, Geschirr, Kutschen, Stühle, Waffen, alles auf einem Niveau, das uns verblüfft. Diese Menschen haben weit vor unserer Zeit Dinge erschaffen, das ist der Wahnsinn. Am Ende sehen wir die Büste der jungen Tutenchamun, mit 9 Jahren bereits auf dem Thron, mit 19 wieder verstorben, behindert mit einem Klumpfuß, ein Opfer des Inzest. Als Herrscherin unbedeutend. Aber als der Brite Carter 1922 das komplette Grab, das aus vier Teilen bestand, voll erhalten gefunden hat, stieg die Bedeutung ins Unermessliche. Eigentlich war es nicht Carter, der das Grab gefunden hat, sondern ein ägyptischer Junge, der zu Carter und dessen Haus gerannt ist und ihn geholt hat. Er stammt aus einer Familie von Grabräubern. Heute weiß man von einer Schwangerschaft und zwei toten Kindern Tutenchamuns, die mumifizierten Leichen sind im Museum ausgestellt. Die Mumie Tutenchamuns liegt heute noch in Luxor und soll dort auch bleiben. Um halb sechs fahren wir ins Hotel, das Essen ist auch hier kein Highlight, aber das tut diesem Tag keinen Abbruch. Ein wundervoller erster Tag im heißen Kairo geht zu Ende. Es ist 23.09 Uhr und das Thermometer zeigt 26 Grad. Haibibi und Jallajalla.