Menschen – wer wir sind

Schulleiters Tagebuch

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Tagebucheinträge Januar 2022

20. Januar 2022

Gestern hatte ich eine Besprechung wegen unseres Multifunktionsfeldes und ich habe wieder ganz viel gelernt. Ein Multifunktionsfeld ist ein Außensportgelände, auf dem in den Pausen und am Nachmittag ganz viele Schülerinnen und Schüler Sport treiben. Unser Multifunktionsfeld ist in die Jahre gekommen und muss unbedingt saniert werden. Es versammelten sich also der Leiter des Schulamtes, ein Mitarbeiter des Bauamtes und ein Architekt zusammen mit meiner Person und später unseren beiden Hausmeistern. Die Lagebesprechung ergab, dass wieder einmal nicht alles so einfach ist, wie es scheint. An den Rändern hat sich der Boden wie von Geisterhand wellenartig angehoben und wir diskutieren, ob die Wurzeln der Bäume einen Weg durch den Schotter unterhalb der Oberdecke gebohrt haben und mit ihren Seitenarmen quasi die Wellen erzeugen. Der Architekt ist nicht überzeugt. Ich schon. Aber ich bin ja nur ein Laie. Eigentlich ist das Feld nicht ein Feld, sondern in vier Teile geteilt. Und die Längsabgrenzungen sind Rinnen, durch die bei Regen Wasser ablaufen soll. Die Hausmeister sollen das Ganze untersuchen. Nach dem Termin gehen sie am Nachmittag schon ans Werk, rufen mich und wir stellen fest, dass diese Rinnen weder an das Kanalsystem angeschlossen sind, noch überhaupt funktionieren. Das Wasser wird darin lediglich gesammelt, kann aber eigentlich nicht abfließen. Die Drainagerohre, die eingebaut sind, sind alle völlig verstopft. Wir sind gespannt, was der Architekt mit diesen Informationen anfangen wird. Am Freitag kommt jemand vom Umweltamt und begutachtet das Ganze. Ich lerne daraus: Wenn du ein Sportgelände planst, musst du darauf achten, dass Bäume und Sträucher in einer gewissen Entfernung gepflanzt sein müssen. Und du darfst nicht vergessen, dass Bäume wachsen und zum Teil richtig groß werden können. Die Planer dieser Sportstätte jedenfalls haben das schlichtweg vergessen. Wie gesagt, heute habe ich viel gelernt.

19. Januar 2022

Soll ich es heute schreiben oder nicht? Ist es ein schlechtes Omen? Bei allen bisherigen Terminen zum schriftlichen Abitur waren stets alle Schülerinnen und Schüler da. Am Freitag haben wir den letzten schriftlichen Termin, die Fächer Biologie und Chemie werden abgeprüft. Wenn da alle tatsächlich da waren, fällt mir ein Stein vom Herzen. Und meinem lieben Kollegen Reiner Möwald, unserem Oberstufenleiter, erst recht. Fehlt ein Abiturient müssen die Lehrerinnen und Lehrer zum Teil bis zu vier komplette, neue Aufgabenvorschläge gestalten. Das ist wahrlich ein Aufwand. Eigentlich zittern wir Jahr für Jahr, aber in diesem Jahr, geprägt von diesem Coronaunfug, ganz besonders. Also drücken wir die Daumen für den kommenden Freitag.

18. Januar 2022

Es gibt tatsächlich noch Grundschullehrerinnen, die nicht wissen, was eine Integrierte Gesamtschule ist. Oh, ich meine natürlich auch Grundschullehrer. Da aber leider an Grundschulen nur wenige Männer sind, vergesse ich die manchmal. Ich freue mich über jeden Erzieher und über jeden Grundschullehrer, ich freue mich, wenn in dieser doch prägenden Phase für jedes Kind beide Geschlechter eine Rolle spielen. Aber ich möchte in diesem Eintrag etwas zu einem anderen Thema schreiben. Wir haben ja derzeit wieder die Phase der Anmeldungen für die neuen 5. Klassen. „Auf der Gesamtschule sehe ich ihr Kind überhaupt nicht, schließlich hat er doch eine Gymnasialempfehlung“. Wer so etwas sagt, hat, pardon, keine Ahnung. Wir führen seit Jahren, ich kann für mich sagen schon seit Jahrzehnten, Schülerinnen und Schüler in einer Gesamtschule zu einem Abitur, mit dem sie in der beruflichen Welt durchaus sehr erfolgreich sein können. Man stelle sich vor, ja auch unsere Abiturienten landen als Ärzte im Krankenhaus oder als Juristen, als Richter und Rechtsanwälte. Ich lade wieder einmal alle, die sich wirklich ein Bild von einer Gesamtschule machen wollen, ein uns zu besuchen. Mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen und sich einfach wirklich selbst ein Bild machen. Bevor ich über die Gesamtschule eine Aussage mache, sollte ich sie wenigstens einmal von innen gesehen haben. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, wir haben so viele Anfragen für unsere Schule, dass wir seit Jahren vielen Schülern absagen müssen, wir haben Wartelisten in allen Klassenstufen. Werbung haben wir bei Gott nicht nötig. Aber es ärgert mich persönlich, wenn Menschen über Gesamtschulen urteilen ohne sich zu informieren.

17. Januar 2022

Heute ist Noteneintragsschluss, dieser Tag ist in Schulen immer besonders spannend. Noch nie waren an diesem Tag alle Noten eingetragen. Eigentlich müssten alle Noten da sein. Aber dem ist nicht so. Ich hoffe sehr, dass alle Kolleginnen und Kollegen beim Erstellen der Noten darauf geachtet haben die besondere Situation mit in ihre Entscheidungen aufgenommen zu haben. Wenn man vor allem in Abschlussklassen Noten macht, muss man sich über die Wirkung stets bewusst sein. Natürlich müssen diese der tatsächlichen Leistung des jeweiligen Schülers oder der jeweiligen Schülerin entsprechen. Aber auf der anderen Seite ist ein Abschlusszeugnis nicht mehr oder nicht weniger als eine Fahrkarte. Die Fahrkarte in das berufliche Leben. Und da spielen bei der Notengebung durchaus Aspekte mit, die nicht nur über eine reine Fachlichkeit zu bewerten sind. Ich weiß, dass das ein schwieriges Thema ist, aber deshalb weise ich explizit darauf hin.

14. Januar 2022

Heute hat meine Freundin Felix vom Chawwerusch-Theater in Herxheim Geburtstag. Es ist ihr bestimmt überhaupt nicht recht, dass ich das hier so öffentlich schreibe, aber sie kennt mich ja. In diesem Zusammenhang richte ich all meine Worte in diesem Beitrag an alle Beamtinnen und Beamten, die diesen lesen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich rate jedem von uns bescheiden zu sein, täglich vor dem Bett zu knien und Gott oder wem auch immer zu danken unkündbar zu sein, privat versichert, sehr gut bezahlt und am Ende eine Pension zu erhalten, die sich sehen lassen kann. Menschen, die bei einem Theater arbeiten, sind durchaus glückliche Menschen, aber haben all das nicht, was wir haben. Ihre Sicherheit ist unser Kommen. Seit zwei Jahren leben Schauspielerinnen und Schauspieler vom Ersparten, oder wenn sie Glück haben, von staatlichen Zuschüssen. Außerdem von ihrem Reservoir an Kreativität. Was sie seit zwei Jahren leisten, ist einfach großartig und unfassbar anerkennenswert. Herzlichen Glückwunsch Felix!

13. Januar 2022

Wenn man Veröffentlichungen liest zur Schule des 21. Jahrhunderts, dann trifft man immer wieder auf Menschen, die so Texte schreiben mit etwa dem Titel „Bildung 2030 – 7 Trends, die die Schule revolutionieren“. Dieser Artikel stammt von Olaf-Axel Burow. Jetzt lese ich einen Text von ihm aus seinem Buch „Die Coronachance: 7 Schritte zur resilienten Schule“. Einer der Schritte ist es zum Beispiel den Aufbau einer digitalen Lernplattform mit schülergerechten Formaten voranzutreiben. Übersetzt in Normaldeutsch heißt das: Mithilfe des Digitalen so zu lernen, dass man jedem Schüler gerecht wird. In Deutschland ist das Ganze nicht so einfach. Wir wollen alles korrekt machen, wir wollen keine Fehler begehen und vor allem wollen wir ewig darüber reden. Oft reden wir so lange, dass am Ende gar nichts verändert wird und das ist doch schade. Wir sollten viel schneller ins Tun kommen. Ich habe schon oft in diesem Tagebuch darüber geschrieben, dass wir in Deutschland hinterher hinken, wenn es um digitales Lernen geht. Wir können das aufholen, aber dann müssen wir auch mutig sein.

 12. Januar 2022

Die Schülerinnen und Schüler meiner Religionsgruppe im Jahrgang 11 haben sich mit „Organspende“ beschäftigt und haben bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Informationsmaterial besorgt. Sie gehen damit durch alle Klassen, in denen Kinder sind, die das 16. Lebensjahr vollendet haben. Sie werben dafür sich zu beteiligen. Organspende kann Leben retten. Oft ist es einfach nur der Tatsache geschuldet, dass man nicht daran denkt mitzumachen. Und ich freue mich über meine Schülerinnen und Schüler, dass sie von sich aus diese Aktion gestartet haben. Hoffentlich machen ganz viele mit.

11. Januar 2022

In der DDR gab es Polikliniken. Das hat mir gerade eine meiner Lehrerinnen erzählt. Ich habe den Begriff zwar schon gehört, konnte aber nicht wirklich etwas damit anfangen. Und dann hat sie mir gesagt, dass auch in Landau gerade eine Poliklinik gebaut wird. Natürlich nennen wir das nicht Poliklinik, sondern Ärztehaus, ein riesiger Bau auf dem ehemaligen Gelände der Landesgartenschau. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen das Ganze nicht Ärztehaus zu nennen, sondern Poliklinik. Das wäre doch ein gutes Signal, dass im Nachhinein der arrogante Westen ein wenig in sich geht und einsieht, dass viele Errungenschaften der DDR ohne Sinn und Verstand einfach zerschlagen wurden. Wenn ich daran denke, wie schwer Gleichberechtigung in unserem Land immer noch ist und wie sehr die Frauen im Nachteil immer noch sind, wenn es um berufliches Karriere geht, muss ich einfach konstatieren, dass wir weiter sein könnten. Auch das „Sichlustigmachen“ um eine gendergerechte Sprache gehört zur gelebten, westlichen Arroganz.

10. Januar 2022

In der vergangenen Woche hatten wir zwei Tage Abitur geschrieben. Und zum Glück waren alle Schülerinnen und Schüler da. Bildende Kunst, Sport und Deutsch haben wir geschafft. Wir bangen jedes Mal mit, für meine Schülerinnen und Schüler und für meine Kolleginnen und Kollegen, dass wir das Abitur schreiben können bzw. dass alle Schülerinnen und Schüler da sind. Es bedeutet nämlich einen großen Aufwand, auch wenn nur ein Schüler fehlt, müssen die Kolleginnen und Kollegen aufwändige neue Vorschläge erarbeiten, das kostet verdammt viel Zeit.

07. Januar 2022

Ich versprach zu berichten und es geschah zutiefst Verstörendes. Heute war eine Kollegin zu Besuch, die Unterricht im Fach Darstellendes Spiel sehen wollte. Und es begann, wie es oft beginnt, im Kreis, ganz praktisch, mit Konzentration und Bewegung. Gut war der Anfang glaube ich. Und dann ging es zur Sache. Im Fach Darstellendes Spiel gibt es ganz oft auch meditative Momente, die Kinder lieben das. Ich bat sie, sich bequem irgendwo hinzulegen, die Augen zu schließen und das, was geschehen würde, einfach nur zu genießen. Ich selbst hatte mir natürlich auch etwas überlegt, nachgedacht und mit Kollegen gesprochen, was ihnen denn so einfiele zum Thema Grusel und Horror. Wir waren uns einig, jedes deutsche Märchen oder fast jedes ist gruselig und viele von ihnen sind Horrorgeschichten. Hänsel und Gretel oder Von einem der auszog das Fürchten zu lernen sind Horrorgeschichten. So las ich den Kindern Blaubart vor, in der ein reicher, blaubärtiger Mann ein junges, armes Mädchen ehelichte und sich auf eine Reise begab, ihr alle Schlüssel für alle Zimmer im Schloss überließ und ihr verbot den einen Raum und den einen Schlüssel zu benutzen, alle anderen dürfe sie öffnen. Und es kam, wie es kommen musste, sie öffnete den verbotenen Raum und bei den Gebrüder Grimm heißt es dann, dass ihr ein Fluss von Blut entgegensprang und an den Wänden nackte Weiber hingen, manche waren bis auf das Skelett zerfressen. Wenn das kein Horror ist, dachte ich. Doch weit gefehlt. Für die Kinder war das kein Horror. Ich war geschockt, meine Kollegin auch und das musste ich dann erst einmal verdauen. Die Geschichten, die sie geschrieben haben, zumindest einige dieser Geschichten, waren furchtbar, da rollten Köpfe oder sie wurden per Axt gespalten. Da wurde auf die furchtbarste Weise getötet. Und das ohne Unterlass. Ich nehme mir jetzt das Wochenende Zeit und überlege mir, wie es weitergeht.

06. Januar 2022

Ich glaube, wir nehmen unseren Kindern zu viel ab. Wir muten ihnen zu wenig zu. Wir trauen ihnen nichts zu. Ich glaube, dass es ein Riesenfehler ist Elterntaxi zu spielen, die Kinder überall hinzufahren, wo sie hinmüssen und ihnen nicht aufzuerlegen sich auf ein Fahrrad setzen. Wir tragen dazu bei Kinder zu Konsumenten zu machen. Sich selbst für etwas anzustrengen, sich herausgefordert fühlen, sich etwas zu erarbeiten, wir machen in dieser Frage als Erwachsene und als Gesellschaft Fehler. Der Schreiber dieser Zeilen möchte sich davon überhaupt nicht ausnehmen. Meines Erachtens müssen wir an dieser Stelle wirklich umdenken. Wir wollen doch eine Gesellschaft, in der sich die Menschen engagieren, ja, auch anstrengen. Dann müssen wir unseren Kindern mehr zumuten. Und ich meine damit nicht für sie gesetzte Freizeittermine zu organisieren. Fangen wir ab heute damit an.

05. Januar 2022

Ich hatte heute Unterricht in meiner absoluten Lieblingsgruppe. Im Darstellenden Spiel der Klassenstufe 7. Wir haben beschlossen nach kleinen Szenen im 6. Schuljahr und auch noch im 1. Halbjahr der 7. Klasse uns für das 2. Halbjahr ein längeres Stück zu überlegen und wir haben nach Themen gesucht. Seit ich mit diesen Kindern zusammen bin, ging es in vielen Szenen immer wieder um das Thema „Tod“. Immer wieder wurden in selbstgebauten Szenen der Kinder am Ende irgendwelche Menschen getötet. Und heute haben wir uns auf Themensuche gemacht und sind zum Entschluss gekommen, dass wir entweder ein Theaterstück oder einen Film drehen. Wenn ich die Kinder richtig verstanden habe, sind sie daran interessiert etwas zum Thema, ich würde sagen Grusel, sie nennen es Horror spielen werden. Also war folgerichtig die Hausaufgabe für die nächste DS-Doppelstunde eine Horrorgeschichte zu schreiben. Ich werde am Freitag berichten.

04. Januar 2022

Die Schüler und Schülerinnen brauchen ihre Schule. Ich begegne so vielen Kindern, die mir sagen, dass sie richtig froh seien wieder in der Schule zu sein, Freunde zu treffen, Mittag zu essen und die Pausen zu verbringen. Wenn nur das lästige Lernen nicht wäre, aber das ertragen die Meisten dann doch. Ich träume ja immer wieder davon alle Schülerinnen und Schüler so sehr begeistern zu können und wir am Ende ganz viele fleißige Bienchen haben, die tüchtig nach dem Höchsten streben. Ich weiß schon, wie weit mein Traum von der Realität entfernt ist, aber dennoch träume ich eben. Wir wollen in dieser Schule ja immer verändern und neue Ideen verwirklichen. Wenn ich es wirklich alleine bestimmen könnte, würde ich täglich eine Stunde lang lesen, eine Stunde lang nur in einer Fremdsprache sprechen, eine Stunde lang mit anderen irgendwie kreativ sein, singen, tanzen, schauspielern, künstlerisch tätig sein. Eine Stunde lang an einem eigenen Text schreiben, eine Stunde lang rechnen und begreifen und eine Stunde lang im Garten arbeiten. An Projekttagen würde ich ganz oft aus der Schule rausgehen und mit anderen Menschen an anderen Orten lernen. Ach, es wäre eigentlich richtig einfach.

03. Januar 2022

Der erste Schultag im neuen Kalenderjahr und irgendwie ist es nicht richtig Winter. Am ersten Tag wird gleich getestet und es ist der erste Tag im Jahr bzw. Schuljahr, an dem keine Lehrkraft erkrankt oder fehlend war. Dazu haben wir ein Mädchen, welches einen positiven Schnelltest hatte, ansonsten sind alle da. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Oder haben wir hier in der schönen Südpfalz wieder Glück. Ich wünsche mir das natürlich sehr und klopfe dabei drei Mal auf Holz.

Tagebucheinträge Dezember 2021

22. Dezember 2021

Dies ist der letzte Eintrag im Kalenderjahr 2021. Wenn er ähnlich dem von 2020 wird, ist das nicht beabsichtigt. Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten. Dieser Satz stammt leider nicht von mir, wird aber oft zitiert. Ich bin heute durch die Klassen gegangen und habe allen Schülerinnen und Schüler, fast allen, mir hat die Zeit am Ende nicht mehr gereicht, alles Gute gewünscht und frohe Weihnachten. Ich habe das verbunden mit Worten zur derzeitigen Lage. Diese ist angespannt, das wissen wir. Ich muss so viel erklären, zum Beispiel haben unsere diesjährigen Abiturienten, wenn sie im März ihr Zeugnis in Händen halten, die gesamte Qualifikationsphase mit Maske verbracht und waren zum Teil auch noch im Lockdown. Ich habe mir von allen Schülerinnen und Schülern gewünscht auf Partys und Treffen zu verzichten, ich möchte nicht im Januar die Schule schließen müssen. Wir wissen nicht, was kommt. Zum Schluss noch einmal für alle Leserinnen und Leser dieses Tagebuchs: Alles Liebe und Gute und von Herzen frohe Weihnachten!

 

21. Dezember 2021

Wenn man so richtig schlecht drauf ist, genervt, aggressiv oder enttäuscht, dann sollte man in den Südbau gehen, in den 2. Stock hinaufsteigen und sich nach links wenden. Und dann ist plötzlich alles wieder gut. Ein Lachen kehrt in das Gesicht wieder zurück, wenn man den Saal einer 5. Klasse betritt. So ist mir das heute passiert, die beiden Tutoren haben sich gefreut, die Kinder brachen in Jubel aus und wollten, dass ich bleibe. Und dann fangen sie schon zu plappern an und wollen mich Löcher in den Bauch fragen. Während ich das diktiere, bekomme ich schon den Tagesbefehl für morgen. Diesen werde ich sehr gerne umsetzen, alle Klassen zu besuchen und ihnen und ihren Lehrern frohe Weihnachten zu wünschen und mich für dieses Jahr zu verabschieden, finde ich eine lohnenswerte Aufgabe. Wenn ich dann auch wieder so vielen lachenden Gesichern begegne, bin ich umso erfreuter. Über meine Erlebnisse werde ich morgen berichten.

 

20. Dezember 2021

Die Nachrichten klingen besorgniserregend. Statt Welle spricht man von einer Wand. Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Ich mag mir nicht ausmalen, was das für uns in der Schule bedeutet. In den Niederlanden schließen sie großflächig Schulen, bei uns soll das definitiv vermieden werden. Inwieweit das so bleibt, kann derzeit noch niemand sagen. Ich hätte mir, und das sage ich hier noch einmal ganz bewusst, sehr gewünscht von heute an bis Mittwoch die Kinder Zuhause zu lassen. Vielen von uns reicht es, wir fühlen uns abgeschafft und müde.

 

17. Dezember 2021

In diesen Zeiten fallen alle Veranstaltungen ins Wasser, an denen man Menschen zusammenführt. So können wir auch keinen Elternabend machen, in dem wir unser Konzept vorstellen und einen Tag der offenen Tür veranstalten. Auch bei uns fällt das dieses Jahr ins Wasser. Als Alternative haben wir uns kleine Führungen überlegt. Die Führungen werden durch unsere Botschafter gemacht. Immer zwei Kinder führen zwei Familien mit Kindern, die sich unsere Schule anschauen möchten. Das machen wir an jedem Schultag im Dezember und im Januar, außer an Freitagen. Manche Schüler sind im Dauereinsatz und sie haben sich alle ein gutes Programm ausgedacht. Am Ende soll es gelungen sein allen einen Eindruck zu vermitteln und Lust zu machen sich bei uns zu bewerben. Es findet keine einzige Führung statt, bei der eine Lehrkraft oder die Schulleitung beteiligt ist. Das nenne ich Authentizität.

 

16. Dezember 2021

Heute war ein sehr netter, kleiner Kollegiumsabschluss, zu dem sich eine schöne Zahl von Kolleginnen und Kollegen einfand und im Freien bei einem heißen Getränk Menschen und Mitarbeitern in der Schule besonderen Dank aussprachen. Da wurden die Hausmeister ebenso geehrt wie der Schulsozialarbeiter, die Erzieherin im Anerkennungsjahr, Simon, der sich besonders um so spannende Dinge wie Vertretungs- und Kursarbeitsplan kümmert und vor allem auch unsere drei Perlen im Sekretariat, ohne die vieles gar nicht möglich wäre. Man lobt uns oft, wir seien eine gute Schule, dies ist meines Erachtens der Verdienst der genannten Personen. Doch dann nahm der Abend einen mehr als fragwürdigen Verlauf. Der Personalrat rief auf zum Spiel: „Schlag die Schulleitung“. Und so mussten sich Ralf und Ralf immer wieder wechselnden Teams zu einer bestimmten Aufgabenstellung stellen. Schnell ersichtlich war, dass bei allen Spielen, bei denen höhere geistige Fähigkeiten nötig waren, die Schulleitung klar siegte. Nachdem auch ein Tischtennisspiel zugunsten der Schulleitung ausging, stand eigentlich der logische Sieger fest. In einem hart umkämpften Tischkickerspiel verlor die Schulleitung sehr unglücklich und unverdient, zumal das Kollegium eine professionelle Tischkickerin ins Team schmuggelte und somit dieses Spiel eigentlich hätte annuliert werden müssen. Beim Abschlussspiel ging es darum Schätzungen abzugeben und Vermutungen zu äußern. Wer zuerst buzzerte, durfte die Antwort nennen, war sie falsch, bekam der Gegner einen Punkt. Auf dieser Welle reitete das gegnerische Team. Weil die Schulleitung keine Spielverderberin sein wollte, wurde am Ende ein Ergebnis erzielt, das nur als skandalös zu bezeichnen ist. Unter der Mithilfe des sichtlich überforderten Spielleiters, gelang der Kollegiumstruppe der absolut unverdiente Sieg. Doch die wahren Sieger konnten auch damit souverän umgehen. Kein lautes Wort, keine Beschimpfung. Wir sehen uns im nächsten Jahr.

 

15. Dezember 2021

Seit gestern haben wir 32 Displays in der Schule. Wieder waren wir die Versuchskaninchen für unseren Schulträger. Vergangenen Samstag ging es los. Da rückte eine Truppe mit 10 Personen an, die den nächsten großen Schritt aus der Kreidezeit vollzogen. Die grünen Tafeln, die zum Sinnbild eines deutschen Schulsaals der vergangenen 200 Jahre wurden, wurden demontiert. Ab jetzt muss im Sekretariat keine Kreide mehr bestellt werden. Aus und vorbei. Nach dem Tod der Overheadprojektoren landet nun auch die Kreidetafel da, wo sie hingehört. Natürlich weinen wir dieser Kreidetafel hinterher, schließlich hat sie unser mehr oder minder langes Schulleben begleitet. Aber diese Zeiten sind wirklich vorbei, das Arbeiten mit den modernen Displays macht zwar auf der einen Seite Spaß und motiviert sicherlich die Schüler. Aber auf der anderen Seite bleibt Lernen lernen und es kostet Mühe, wenn ich etwas erreichen möchte. Jetzt heißt es alle Lehrerinnen und Lehrer richtig gut einzuarbeiten und dann zu hoffen, dass die Geräte auch heil bleiben. Man weiß ja nie. 

 

14. Dezember 2021

Eigentlich könnte jeder Tagebucheintrag mit dem Spruch des Tages aus dem Kalender des SEB beginnen, so schön sind die Sätze, die ausgesucht worden sind. Derjenige oder diejenige oder diejenigen, die die Idee dazu hatten, sollen auch heute nochmal besonders gelobt werden. Wertschätzung, auch wenn sie noch so bescheiden ist, ist ein sehr wertvolles Gut. Und es ist doch immer wieder so, dass man auch als Mensch mal daneben liegt oder daneben greift. Mir passiert das auch immer wieder, wenn ich Menschen mit Worten verletze, ohne es zu merken. Manchmal braucht es gar keine Worte, manchmal reicht auch ein Hauch negativer Energie. Was schwierig ist zwischen uns Menschen, ist, wie wir damit umgehen. Wir fressen es eher in uns hinein, als den anderen damit zu konfrontieren. Das ist schade.

 

13. Dezember 2021

Heute steht in unserem Kalender vom SEB eine schöne, kleine Morgengymnastik: „Ich stehe mit dem richtigen Fuß auf, öffne das Fenster der Seele, verbeuge mich vor allem was liebt, wende mein Gesicht der Sonne entgegen, springe ein paar Mal über meinen Schatten und lache mich gesund.“

So kann die Woche beginnen.

 

10. Dezember 2021

Heute gilt es dem Schulelternbeirat zu danken. Wir haben einen Schulelternbeirat, der unfassbar konstruktiv ist und sehr professionell arbeitet. Wenn ich professionell in diesem Zusammenhang sage, meine ich die Tatsache, dass der Schulelternbeirat nicht das Einzelinteresse des jeweiligen Mitgliedes behandelt, sondern sich vielmehr um das große Ganze kümmert. Das ist genau die richtige Herangehensweise, als Schulelternbeirat bin ich der ganzen Schulgemeinschaft verpflichtet. Und dieses Mal hat sich der SEB um die Schulleitung gekümmert. Im Sekretariat haben wir einen wunderschönen Adventskalender hängen, der sehr individuell gestaltet ist. Da heißt es zum Beispiel auf einer Karte: „Es gibt so viele Gründe glücklich zu sein, suche Dir einfach einen aus“ oder „Wir sind die erste Generation von Eltern, die von ihren Kindern lernt“. Vielen herzlichen Dank!

 

09. Dezember 2021

Mein Kollege hat einen Hund, er ist gleichzeitig unser Schulhund. Buddy kann nicht sprechen, aber er spürt, wenn etwas im Raum nicht in Ordnung ist. Buddy spürt, wenn es Aggressionen im Raum gibt, wenn jemand beleidigt ist oder lügt. Ganz oft zeigt Buddy dann eine Reaktion. So auch heute, wenn Buddy in die Schule kommt liegt er nicht nur auf seinem Teppich und schläft, sondern er arbeitet auch. Buddy unterstützt Menschen in ihrer Entwicklung. Eigentlich ist er nur für die Schüler da, aber auch bei manch einer Situation mit Erwachsenen hilft er. Heute besuchte er gemeinsam mit Uli eine Klasse und es wurde über einen Konflikt gesprochen, der schon eine Zeitlang schwelt. Und Buddy saß dabei. Als einer der Betroffenen es nicht so genau mit der Wahrheit nahm und die Tatsachen doch sehr zu verdrehen schien, steht Buddy plötzlich auf, geht an ihm vorbei, durch den Kreis hindurch, aus diesem wieder heraus und setzt sich in eine weit entfernte Ecke. Der Betroffene gibt irgendwann zu gelogen zu haben und sich nicht erinnern könne jemals wirklich einen Freund gehabt zu haben. Als das geschieht, steht der Hund wieder auf und begibt sich wieder in den Kreis. Unfassbar! Ein anderes Kind wiederholt sich mit den immergleichen Worten, hier kommentiert Buddy die ständige Wiederholung mit einem leichten Räuspern. Es ist schon irre, wie sehr der Hund wirklich versteht. Was er schon alles erreicht hat, ist einfach grandios. Weiter so, Buddy!

 

08. Dezember 2021

Ich habe heute einen wunderschönen Tag erlebt, ganz aufgeregt warteten meine Schülerinnen und Schüler des Faches Darstellenden Spiels (habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, dass dieses Fach das Beste aller Fächer ist?), um mit mir gemeinsam zum Nationaltheater nach Mannheim zu fahren. Mit dem Zug ging es von Landau nach Neustadt und dann mit der flotten S-Bahn nach Mannheim. Von dort in die Straßenbahn und dann standen wir vor dem großen Theater. Die Augen der meisten Kinder wurden richtig groß, die Spannung wuchs. Nach der üblichen Coronakontrolle ging es noch einmal kurz auf die Pipibox und dann war es schon so weit. Wir saßen im großen Saal mit viel Technik und einer riesigen Bühne, bis der Rabe die Bühne betrat. Er ärgerte sich gar fürchterlich über den Müll und Unrat, der wieder einmal im  Wald gelandet war. Unter dem Müllberg erwachte eine Robotergestalt und in dem Stück kamen außerdem zwei Wildschweine, ein Glühwürmchen und ein Baum auf die Bühne. Ein wunderbares Theaterstück mit Musik und tollen Kostümen, einem sprechenden Baum, sogar mit Hologrammen wurde gearbeitet. Großes Theater also. Am Ende eine schöne Botschaft und ganz am Ende ein Aufruf an uns alle (jeder und jede von uns hat am Eingang einen Kiefernzapfen geschenkt bekommen) in den Wald zu gehen und den Kiefernzapfen in der Hoffnung zu vergraben, dass daraus ein Wald würde. Nach heftigem Beifallklatschen stiegen wir in die nächste Straßenbahn, natürlich war es wie immer bei mir, wenn ich in der großen Stadt unterwegs bin, wir fuhren in die falsche Richtung, doch eine junge Frau mit Migrationshintergrund erklärte mir, wie ich doch noch am selben Tag zum Hauptbahnhof gelangen könnte. Kurz vor 13 Uhr erreichten wir wieder Landau und versprachen uns bald wieder auf Theaterreise zu gehen.

 

07. Dezember 2021

Und heute denke ich an morgen. Wieder machen wir so, als ob das Virus nicht da wäre. Ich treffe mich mit meinen SchülerInnen des Faches „Darstellendes Spiel“ in der Schule, dann gehen wir gemeinsam zum Landauer Bahnhof und fahren nach Mannheim ins Theater. Im Nationaltheater in Mannheim wird ein großes Familienstück gespielt. Ich freue mich so sehr, zum einen endlich mal wieder ins Theater zu gehen und zum anderen mit Kindern ein kleines Stück Normalität zu erleben. Meine SchülerInnen aus der 7. Jahrgangsstufe sind auch sehr aufgeregt. Sie freuen sich auch sehr.  Wie es war und was wir erlebt haben, schreibe ich im morgigen Beitrag.

 

06. Dezember 2021

Heute gab es tatsächlich mal ein Stück Normalität im Haus. Wobei, wenn ich mir das genau überlege, normal ist das nicht. Aber, er war da und sie auch. Also eigentlich er, aber es war eine sie, die aber ein er sein sollte. Die Rede ist von dem guten Nikolaus und dem weniger guten Knecht Rupprecht, der bei uns einfach nur Knechtin Rupprechtin genannt wird. Da stand so mancher Fünftklässler und fasste sich ein Herz und sagte: „Ich bin ganz arg aufgeregt!“Und dann machte der Nikolaus das, was der Nikolaus eben so macht. Gaben verschenken und vorher Aufgaben verteilen. Knechtin Rupprechtin war mit dem ein oder anderen Kandidaten etwas ungehalten und ermahnte ihn im kommenden Jahr besser mit seinen Mitmenschen umzugehen. Der gütige Nikolaus wurde mit so viel Freude und so viel Lächeln überschüttet, dass ihm ganz warm ums Herz wurde. Als ich ihn alleine auf dem Flur erwischte, gestand er mir, dass er auf seiner langen Reise ganz besonders gerne in unserem Haus einkehren würde. Als ich ihm dann so tief in die Augen sah, meinte ich ihm jemand erkannt zu haben, den ich auch schon irgendwo einmal gesehen haben. Eines war mir klar, dieser Nikolaus hat einen Bartwuchs, wie ich ihn mir schon immer gewünscht habe. Ob es doch die Person war, die ich schon lange kenne?

 

02. Dezember 2021

Heute schreibe ich über ein heikles Thema. Ich habe dazu nichts gelesen, zumindest nichts, was Expertinnen und Experten schreiben und auch die Debatte darum nicht intensiv verfolgt. Es geht um Cannabis. Ich bin seit über 30 Jahren im Lehramt und habe in den letzten Jahren immer wieder Wellenbewegungen wahrgenommen, mal ist das Thema groß, mal klein. Die Diskussion um die Legalisierung dieser Droge verfolge ich nicht mit einer hohen Aufmerksamkeit. Dennoch kann ich mich nicht ganz wegducken und nehme wahr, dass der Peak wieder nach oben zu gehen scheint. Ich meine damit, dass wieder mehr Jugendliche Haschisch rauchen. Und die Konsumenten werden jünger. Ich weiß nicht, ob meine subjektive Beobachtung einer wissenschaftlichen Untersuchung standhalten würde, aber ich höre im Umfeld von Schulen verstärkt Vorkommnisse. Wir machen in unserer Schule Präventionsarbeit, versuchen SchülerInnen aufzuklären und ihnen die Gefahren vor Augen zu führen.  Normalerweise hätten wir auch durch die Polizei durchgeführte Präventionsveranstaltungen, auch hier verhindert Corona die Veranstaltungen. Was mich besonders besorgt ist das Alter der Konsumenten. Ich werde das Ganze weiter beobachten und auch im Tagebuch berichten. Ich kann die LeserInnen des Tagebuchs nur dazu aufrufen wach zu sein und auch im häuslichen Umfeld mit den Kindern darüber zu sprechen.

 

01. Dezember 2021

Heute war die erste Führung, das heißt zwei SchülerInnen begleiten als BotschafterInnen potentielle neue Kunden, also SchülerInnen aus der Klassenstufe 4 mit ihren Eltern, durch das Haus. Die Eltern sind manchmal enttäuscht, dass das nicht der Schulleiter selbst macht. Aber da wir ehrlich sein wollen und die Menschen die Katze nicht im Sack kaufen sollen, sollen alle gleich sehen, wie hier die Uhren ticken. Ich habe aus meinem Zimmer gespitzelt, meinen Botschafterinnen während ihres Vortrages zugehört, um kurze Zeit später beruhigt die Türe zu schließen. In den nächsten Tagen werden bis Januar viele Kinder mit ihren Eltern die Gelegenheit wahrnehmen.